Spoiler bis einschließlich Seite 282
Nachdem ich jetzt etwas jenseits der Mitte des Buches angekommen bin und die Autorin in die Bereiche Esoterik, "Alternativ"medizin und Corona-Geschwurbel abdriftet, ergibt sich für mich ein schwieriges Gesamtbild, dass sich bereits früh angedeutet hat (siehe mein letzter Beitrag).
Wie es häufig in diesen Gefielden der Fall ist, beginnt die Autorin mit wichtigen Konzepten wie monetärer vs. gesellschaftlicher Nutzen von Arbeit, Nachhaltigkeit im wirtschaftlichen Handeln und auch provokanteren, aber durchaus nachvollziehbaren Thesen wie etwa intuitives Erleben im Gegensatz zu “verkopfter” Unterhaltung. Die Tanzszene im Berliner E-Werk hat mir da Denkanstöße geliefert. Leider legt die Handlung nach diesem Höhenflug eine jähe Bruchlandung hin: Schutz vor Seuchenübertragungen als emotionale Erpressung. Implantierte RFID Chips im Zug der Corona-Pandemie zur Massenüberwachung. Ein anonymer Chirurg, der nicht versteht, wie “Heilung” funktioniert und Wissenschaft zu “Glaubenssätzen” degradiert … Moment, wie war das nochmal mit “Anonymität ist Gift für das Vertrauen” im ersten Kapitel über das Datasub?
Aus heutiger Sicht kann der Bezug zu Corona als ein “Was wäre wenn”-Szenario betrachtet werden. Das Buch wurde allerdings 2021 veröffentlicht und ist daher unter dem direkten Einfluss des ersten Jahres der COVID-19-Krise entstanden. Es ist, behaupte ich, daher als Warnung gedacht, wohin die derzeitigen Maßnahmen führen können und diese werden als kausale Kette dargestellt, deren Pfad ganz oder gar nicht beschritten werden kann. Die Autorin selbst bleibt allerdings die Antwort auf die Frage, wie ihr Gegenkonzept aussieht, schuldig. Wobei das so auch nicht ganz richtig ist. Sie beschreibt alternative Wege, wie die Menschen ihr Bedürfnis nach Nähe und sozialer Teilhabe ausleben - unter kompletter Ausblendung der Tatsache, dass zu diesem Zeitpunkt eine Pandemie wütet, die in den nächsten Jahren Millionen Opfer fordern wird. Es würde mich an dieser Stelle sehr interessieren, wie die Autorin heute auf diese Passage in ihrem Buch zurückblickt. Gerade die Befürchtung der Totalüberwachung durch den Staat ist nicht eingetreten: Ich kann mich ehrlich nicht entsinnen, wann ich das letzte mal ein Impfzertifikat vorzeigen musste.
Mir erschien das Buch relativ schnell als eine Essay über die Ansichten der Autorin, wie die Welt sein sollte/könnte, um die herum mit mehr oder weniger handwerklichem Geschick eine Geschichte gebaut wurde. Das ist an und für sich kein Problem. Metaphern, Analogien, Fabeln und so weiter sind ein fester Bestandteil unserer Kultur. Allerdings komme ich nicht herum immer wieder zu bemerken, wie unbeholfen hier bestimmte Meinungen und Ideen vorangetrieben werden. Der Modus Operandi ist eigentlich immer, das Saruj und Kev eine Unterhaltung mit einer Person führen, die ein Autorität auf ihrem Feld ist (Experten oder Zeitzeugen), Kev kritische Fragen stellt, die uns oft bereits aus heutiger Sicht naiv vorkommen und Saruj der Autoritätsperson beipflichtet. Häufig wird auch ein direktes Verständnis zwischen Saruj und der Autoritätsperson verwendet um eine Selbstverständlichkeit der Aussage zu implizieren.
Obwohl ich eigentlich viele Grundideen der Autorin teile, wie etwa die Notwendigkeit eines Umdenkens im Hinblick auf unser Wirtschaften oder die Unmenschlichkeit der Massentierhaltung und auch des Fleischkonsums allgemein, verliert sie mich in dem sie von einer sachlichen und fundierten Kritik in einen Sumpf aus Geschwurbel abdriftet. Eigentlich wollte ich an dieser Stelle schreiben, dass ich das Buch zur Seite legen werde, aber irgendwie interessiert mich die Handlung der Geschichte noch. Die Wallfahrt mit Didishu und den anderen Sannyasineren, die sehr früh ein Thema ist, hat noch gar nicht begonnen. Inhaltlich erwarte ich jedoch nicht mehr viel.


Leider ja
Ja okay das liest sich ungut :/